Inmitten Tuttlingens nur wenige Meter von Marktplatz und Rathaus entfernt steht die von engen Häuserzeilen umgebene Stadtkirche: ein gewaltiger Rechteckbau, von dessen Südende aus der das Stadtbild beherrschende Turm fast 68 Meter in die Höhe ragt.
Beim Stadtbrand von 1803, der die gesamte Stadt in Schutt und Asche legte, war auch die wahrscheinlich in gotischem Stil erbaute Peter- und Paulskirche, die am selben Platz gestanden hatte, ein Raub der Flammen geworden. Erst 1815 stellte der württembergische König das nötige Geld bereit, dass die leidgeprüfte evangelische Gemeinde der Stadt darangehen konnte, eine neue Kirche zu bauen.
Mehr Details lesen?Für einen schönen, hohen Turm hatte das Geld nicht gereicht. So musste die im äußersten Südwest-Zipfel des evangelischen Württembergs gelegene und fast ganz von katholischen Gemeinden mit ihren schönen, spitzen Kirchtürmen umschlossene Stadt sich mit einem im Verhältnis zum Gebäude fast zu klein geratenen Turm zufrieden geben. 1868 wurde schließlich der obere Teil des Turmes abgerissen und neu gebaut: größer und schöner, vor allem aber höher als der Turm, den die inzwischen angewachsene katholische Gemeinde für ihre neue Kirche St. Gallus in Planung hatte.
Die große, kahle Wand, auf die die Gemeinde schaute, und in deren Mitte die Kanzel wie ein einsames Schwalbennest hing, bedurfte der Gliederung und Bemalung. Der Stuttgarter Künstler Rudolf Yelin und sein Freund Fritz Hummel aus Reutlingen wurden für die Neugestaltung im Jahre 1893 gewonnen. Hummel gab der kahlen Wand durch eine aufgemalte, plastisch erscheinende Arkadenarchitektur Leben. Doch beherrscht wird die Kanzelwand von den im Nazarenerstil gemalten beiden Yelinschen Bildern "Himmelfahrt Christi" und "Jesus im Garten Gethsemane".
1903 erhielt die Kirche ein grundlegend neues Gesicht. Nur das geübte Auge erblickt unter dem neuen Gewand, das die Kirche 100 Jahre nach dem Stadtbrand von 1803 erhielt, noch die klassizistischen Formen. Pflanzen und Blüten in vielfältigen Formen, in der damals neu entdeckten Technik des Zementgusses gefertigt, zieren die Portale und umrahmen die Fenster. Die graue und als ärmlich empfundene Außenhaut der Kirche wurde reichlich gegliedert und vielfarbig ausgeführt. Außen und innen verwandelte sich die Kirche in ein Jugendstil-Gebäude.
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Tritt man ins Innere der Kirche, ist man überrascht von der für eine evangelische Kirche seltenen Farbenpracht. Durch die nun verlängerten, nur noch von einer Empore unterbrochenen Fenster aus feinstem Antikglas fällt das Licht zu jeder Tageszeit in das Kircheninnere und lässt die vielfältigen, fein abgestimmten Pastellfarben aufleuchten. Der nüchterne klassizistische Tempel wurde auch im Innern eine luftige Jugendstilkirche.
Der Innenraum der Kirche korrespondiert rnit dem Äußeren in geglückter Weise. In weitem Umkreis findet sich kein ähnliches Bauwerk. Ein einmaliges Zusammenspiel von Klassizismus und Jugendstil im kirchlichen Bauwesen ist hier geschaffen worden.
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70 Jahre nach der Erneuerung im Jugendstil stand die Stadtkirche unansehnlich an der Bahnhofstraße. In einer fünf Jahre dauernden Renovierung wurden von 1973 bis 1978 mit viel Geduld und Umsicht die Gestalt und Farbigkeit der Kirche von 1903 wiederhergestellt. Lediglich eine Verkürzung des Innenraumes mit gleichzeitiger Schaffung eines geräumigen Foyers veränderte den ursprünglichen Grundriss. Dadurch hat der Raum eher gewonnen; er strahlt nun in seinen neuen Ausmaßen größere Harmonie aus. Predigtpult, Altar und Taufe wurden von dem Tuttlinger Künstler Roland Martin in Anlehnung an die Jugendstilelemente neu gestaltet.
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Nach der großen Renovierung und der Umgestaltung des Kircheninnern war zur Bahnhofstrasse hin ein schönes Foyer entstanden. Im Gegensatz zum reich geschmückten Gottesdienstraum, war das Foyer ohne künstlerischen Schmuck.
Der Tuttlinger Künstler Rudolf Güthinger erbot sich 1996, ein großes Bild für die beherrschende Wandfläche zwischen den Eingängen zum Gottesdienstraum zu stiften. Als Thema war die Pfingstgeschichte vorgesehen.
Nach etwa eineinhalbjähriger Arbeit war das Bild zum Pfingstfest am 18. Mai 1997 fertig und wurde der Stadtkirchengemeinde übergeben.
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